Wirkliche Künstler sind die Wenigsten aber jeder kennt sie, viele wünschen sie sich aber die wenigsten kreieren es. Kaum einer beherrscht es in seinem ganzen Umfang und obwohl es nicht schwer ist, existiert trotzdem keine Gebrauchsanweisung, geschweige denn ein Plan.
Die Kunst etwas Gutes zu tun und jemanden zu unterstützen.
Es ist ein Tag, wie fast jeder andere in Hamburg. Die Sonne scheint, die letzten warmen Sonnenstrahlen kribbeln im Gesicht. Es ist eine angenehme laue Herbstatmosphäre. Zur Mittagszeit war die Entscheidung noch nicht gefallen und ich war mir auch noch nicht sicher, ob ich überhaupt an den Start gehen werde. Doch mein Unterbewusstsein wusste es bereits. Heute passiert etwas Großes. Ein ungeahnter Meilenstein meiner eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit.
Am Abend dann, im Startbereich, habe ich zusammen mit mehr als 1000 Läufern auf das „Go“ gewartet, nachdem ich meine Laufschuhe so sorgfältig, achtsam und fest schnürte, wie nie zuvor. Im Kopf die Stimme: „Soweit, wie du kommst – es ist schon ok, ohne Vorbereitung und alles!“ Dann ertönte der Startschuss und los geht es. Die ersten Ermüdungserscheinungen kamen bei der Kilometermarke 1.
Schon einige Zeit später und die Hälfte aller Kilometer im Gepäck. Der dicht gezurrte Rucksack, nicht mehr tragbar. Eine schier endlos lange Straße, verziert mit Ein-Familienhäusern und noch bergauf. Ich war eigentlich nur noch am gehen und suchte den nächsten Nahverkehrspunkt, um nach Hause zu fahren. Doch plötzlich läuft ein Familienvater, vom letzten Haus, ungeachtet von allem, auf die Strecke und begleitet mich ein kurzes Stück. Genau die Meter, mit den wohl schwersten Füßen, die ich je gespürt habe. Der ältere Mann - ein Menschen, den ich nicht kenne, den ich noch nie gesehen habe und vielleicht auch nicht wieder sehe. Wahrscheinlich ist er auch kein Trainer aber er läuft in seiner Jeans und Hemd die wohl sportlich wichtigsten Meter neben mir. Er schenkt mir sein Ohr für zwei, vielleicht auch drei Minuten und spricht in dem Moment solch motivierenden Worte aus: „Das schaffst du Junge. Soweit wäre ich nicht gekommen. Jetzt musst du Beißen. Ich glaub an dich. Du wirst ankommen!“ Diese Worte setzten ungeahnte Reserven frei und schallten noch Kilometer später nach. Genau genommen beflügelten sie regelrecht. Sie haben mich die ganze Zeit getragen und gefühlt auch heute noch.
Ich glaube, dass ich nicht ins Ziel gekommen wäre, hätte mich dieser Impuls nicht erreicht. Ich wäre sicherlich nach Haus gefahren. Dieser Mensch hat mir nichts materielles gegeben und doch sehr viel mehr, als ihm in diesem Moment bewusst war. Wahrscheinlich ereilte ihm an diesem Ort, in dieser Konstellation, in diesem einen Moment, ein Gefühl, welches schwer zu beschreiben ist aber welches die meisten kennen. Dieses Gefühl gebraucht zu werden oder etwas notwendiges tun zu müssen - nichts Großes - nur eine kleine Geste. Exakt dieses Gefühl, das die meisten Menschen nicht wahrnehmen wollen, ist so wichtig. Sie schieben es beiseite oder ignorieren es, weil sie sich nicht trauen, den Mut nicht haben oder weil sie nicht die Person sein wollen, die angeschaut wird. Doch genau diese kleinen Helfer bewegen so unfassbar viel. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, jeden Tag, man muss dem Gefühl nur trauen.
Hast du so etwas schon erfahren und wirst das nächste Mal den Mut aufbringen?